Interview mit den Elternbeiratsvorsitzenden

Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Ich bin Rita Bierbaum, seit 2015 Elternbeiratsvorsitzende an der ASS und 54 Jahre alt. Seit 1989 arbeite ich in der stationären Kinder- und Jugendhilfe und leite dort eine Wohngruppe. Mein Sohn geht in die Jahrgangsstufe 1 des Wirtschaftsgymnasiums.

Mein Name ist Karin Volkmann. Ich bin die Vertreterin der Elternbeiratsvorsitzenden in der Schulkonferenz, bin 52 Jahre alt und arbeite als Assistentin und Sachbearbeiterin. Meine Tochter geht in die Jahrgangsstufe 1 des Wirtschaftsgymnasiums.

Welche Aufgaben haben Sie als Elternbeiratsvorsitzende?

R. Bierbaum: Als Elternbeiratsvorsitzende nehme ich an der Schulkonferenz, tl_files/ass/content/unsereSchule/Elternbeirat/2017-18/InterviewBild.jpgden Elternbeiratssitzungen und den Elternabenden teil. Mit den Stellvertretern zusammen bilden wir ein Team und üben unser Amt gemeinsam aus, dies hat im letzten Jahr sehr gut funktioniert. Wir verstehen uns als Mittler zwischen Eltern, Lehrern, Schülern und Schulleitung. Hier wollen wir ein möglichst gutes Miteinander herstellen. Das ist unser Verständnis von der Aufgabe. Wenn wir sehen, dass von Seiten der Eltern unsere Unterstützung gewünscht wird, versuchen wir uns einzubringen.

K. Volkmann: Was man sagen muss, ist, dass wir eigentlich gerade nichts zu tun haben. Dieses Jahr gab es noch gar nichts. Letztes Jahr war es spannender, da der Sportunterricht aufgrund der Sporthallenbelegung so lange nicht stattfinden konnte.

Warum haben Sie sich für dieses Amt zur Verfügung gestellt und was ist Ihre Motivation dabei?

K. Volkmann: Mir macht es einfach Spaß, mitzuwirken. Man vertritt die Elternseite, hat Kontakt mit der Schulleitung und den Lehrern. Das finde ich spannend.

R. Bierbaum: Ich finde es wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es macht Spaß und ist für mich hochinteressant, da ich beruflich mit verschiedenen Schulen zu tun habe. Daher ist es interessant, die Schule von einer anderen Seite zu sehen und dadurch versteht man mehr, kann Dinge besser nachvollziehen und kann bei Konflikten besser vermitteln.

Welche Themen beschäftigen Sie denn momentan in Bezug auf unsere Schule besonders?

Im Moment ist es sehr ruhig. Es gibt in diesem Schuljahr noch nichts, was an uns herangetragen wurde. Kein einziger Elternteil oder Schüler kam zu uns.

Wie ist Ihre Meinung zur Turnhallenproblematik?

K. Volkmann: Die Situation ist anders, aber nicht besser. Die Flüchtlinge sind weg anderweitig untergebracht, aber die Turnhalle ist nicht nutzbar. Traurig ist, dass unseres Wissens nach wohl das ganze Schuljahr für die Renovierung draufgehen soll. Das finde ich bedauerlich. Der Aufwand für die Schule ist immens. Daher verstehe ich nicht, weshalb es so lange dauert, bis die Turnhalle renoviert wird.

R. Bierbaum: Angeblich dauert es so lange, da die Aufträge europaweit ausgeschrieben werden müssen. In Anbetracht dessen, dass Sport für einige Schüler ein Pflichtfach ist, verstehe ich nicht, dass der Prozess der Renovierung nicht beschleunigt werden kann. Was mich letztes Jahr im Hinblick auf die Turnhallensituation geärgert hat, ist, dass die Hallen des Landkreises zuerst belegt werden mussten. Zudem hätten wir uns gewünscht, dass die Zusammenarbeit zwischen Kommune und Landkreis besser gewesen wäre. In der jetzigen Situation ist ärgerlich, dass alles so langwierig ist.

Fühlen Sie sich in dieser Hinsicht vom Landkreis im Stich gelassen?

R. Bierbaum: Ich vermute, dass auch der Landkreis gewissen Zwängen unterworfen ist, was die Ausschreibung betrifft. Aber wir hätten uns gewünscht, dass man vielleicht in Anbetracht der Ausnahmesituation einen unbürokratischen Weg geht. So wie die Jugendlichen nun einen unbürokratischen Weg gehen müssen.

K. Volkmann: Man fühlt sich ohnmächtig. Wir haben gar keine Chance, Einfluss auf das Tempo der Entwicklung zu nehmen. Die Prozeduren dauern viel zu lange und die Leidtragenden sind nun vor allem die Schüler und die Lehrer. Was die Situation für die Schüler bedeutet, wird sicherlich nicht bedacht: Stundenpläne mussten geändert werden, es gibt viele Freistunden, die Schüler sind noch mehr unterwegs und haben noch weniger Freizeit.

R. Bierbaum: Einige Schüler können durch die Änderungen ihre Hobbys und Freizeitaktivitäten, z. B. im Verein, nicht mehr ausüben. Die Situation ist ungünstig und führt leider sicherlich auch zu Unmut gegenüber den Flüchtlingen bei den Betroffenen, obwohl sie nichts für die Situation können. Wir waren auch bei verschiedenen Verantwortlichen, allerdings scheinen die Institutionen untereinander nicht gut zusammenzuarbeiten. Insgesamt hätten wir uns eine bessere Kommunikation und mehr Transparenz gegenüber der Schule und den Schülern bzw. Eltern gewünscht.

Wie stehen Sie dem Schulhausneubau gegenüber?

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K. Volkmann: Grundsätzlich positiv. Schade ist nur, dass man vor ein oder zwei Jahren hier Millionen Euro in den Brandschutz investiert hat und dieses Geld nun weg ist. Man hätte vielleicht den Neubau vorziehen können. Aber wenn die Gremien sagen, das muss jetzt gemacht werden, dann hat man keine Wahl. Schön ist aber, dass der Schulbetrieb bis zum Umzug im alten Schulgebäude weiterlaufen kann.

R. Bierbaum: Meine Hoffnung ist, dass die Schule bei der Planung beteiligt wurde, also dass Partizipation stattgefunden hat, um ein möglichst gutes Schulgebäude mit sinnvoller und zweckmäßiger Ausstattung zu bauen. Ich hoffe nicht, dass es nachher ein unzweckmäßiger Bau wird, so wie ich es z.B. in der Neckarrealschule mitbekommen habe. Gut ist der Neubau sicherlich auch für den Schulstandort Nürtingen. Denn wenn der Neubau kommt, ist die Wahrscheinlichkeit trotz demographischer Prognosen groß, dass die ASS als Standort erhalten bleibt.

Was zeichnet die ASS aus Elternsicht besonders aus?

R. Bierbaum: Der Umgang miteinander. Ich komme berufsbedingt an viele Schulen, aber hier herrscht eine besondere Atmosphäre. Man sieht viele lachende Gesichter. Wenn man hier hereinkommt, spürt man viel Motivation bei den Schülern und man hat den Eindruck, dass die Lehrer gerne hier arbeiten. Der Umgang zwischen allen am Schulleben Beteiligten ist sehr wertschätzend, sei es zwischen Schüler und Schüler oder zwischen Lehrer und Schüler. Das fällt mir hier auf und das finde ich toll. Man begegnet sich mit sehr viel Respekt und Wertschätzung. Ich glaube, das zeichnet die Schule aus.

K. Volkmann: Ich bekomme auch Rückmeldungen von Schülern, die selbst sagen, dass sie sich an der ASS sehr wohl fühlen und gerne in die Schule kommen. Das ist einfach schön.

Welche Schulaktivitäten und -projekte empfinden Sie aus Elternsicht als sinnvoll?

R. Bierbaum: Das Theaterprojekt mit der Bodelschwinghschule und das Bankenprojekt, bei dem Auszubildende in Altenheime gehen und den Alltag alter Leute im Heim kennenlernen. Denn ich denke, dass es wichtig ist, jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, soziale Kompetenzen zu erwerben, die sie für ihr weiteres Leben benötigen. Das ist ein Lernen fürs Leben.

K. Volkmann: Das Angebot, hinauszugehen um sich kennenzulernen, finde ich gut, da viele Schüler alleine hierher an die Schule kommen. Zudem finde ich den Schüleraustausch mit China sehr gut, davon hört man nur Positives. Gerade für das persönliche Reifen finde ich diese Projekte wichtig.

R. Bierbaum: Die Kennenlerntage finde ich auch ein super Projekt, da sie gleich am Anfang stattfinden und im Klassenverband durchgeführt werden. Vor allem die Idee der Selbstverpflegung bringt die Schüler weg von der Dienstleistungsmentalität. Denn über das gemeinsame Tun lernt man sich kennen. Ich finde es enorm, dass Lehrer diese Aktion in ihrer Freizeit unternehmen. Ich denke aber, dass sich dieser Aufwand lohnt und die Klassengemeinschaft sich schneller findet. Auch die Schüler-Lehrerband finde ich sehr gut.

Im Augenblick gibt nur Gutes über die Schule zu sagen. Ich denke, dass die Schule von der Gemeinschaft lebt und sich hier alle Beteiligten wohlfühlen.

K. Volkmann: Man hat das Gefühl, dass die Lehrer hier ihren Job wirklich gern machen.

Was sind denn dringende Fragen oder Probleme für die Eltern?

K. Volkmann: Das Thema Mensa beschäftigt Schüler und Eltern sehr, auch im Hinblick auf den Neubau. Der Wunsch ist, dass im Neubau eine Mensa existiert. Denn die Situation scheint momentan sehr ungünstig zu sein: Es gibt lange Schlangen und kurze Pausen, sodass die Schüler die ganze Pause für das Warten aufwenden müssen. Das ist nicht zufriedenstellend. Wenn die Schüler sich hier zehn Stunden aufhalten, dann sollten sie auch ein vernünftiges Mittagessen haben.

R. Bierbaum: Im Krankenhaus ist das Essen teuer und es ist im Hinblick auf die Hygiene nicht optimal. Ein gesünderes Angebot wäre auch wünschenswert. Wenn die Schüler nur Schnitzelwecken und Pommes essen, können sie nicht fit sein. Während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Mensa einer Nürtinger Realschule habe ich die Erfahrung gemacht, dass Salat sehr gut ankommt.

Wenn Sie entscheiden dürften, was würden Sie an unserer Schule ändern?

R. Bierbaum: Eine Mensa mit gutem Essen einführen und dabei berücksichtigen, was die Schüler möchten. Für den Neubau würde ich mir Rückzugsorte für die Schüler wünschen, eine Art qualifizierten Lernort.

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Welche Unterschiede und Veränderungen zu Ihrem eigenen früheren Schulalltag fallen Ihnen auf? Gibt es positive Entwicklungen, die Sie aus Elternsicht erfreuen?

R. Bierbaum: Der respektvolle Umgang mit den Schülern. Früher war der Lehrer allmächtig und autoritär, das ist nicht mehr so. Die Rollenverteilung ist zwar klar, aber man begegnet sich eher auf Augenhöhe. Hier habe ich erlebt, dass auch bei disziplinarischen Maßnahmen noch nach einer guten Lösung für den Schüler geschaut wird.

K. Volkmann: Die Schüler sind selbständiger und werden besser auf das Berufsleben vorbereitet. Wenn ich z. B. an die Referate oder Präsentationen denke, die sie halten – das gab es früher nicht. Da hat sich viel gewandelt und das finde ich positiv.

Sie beide haben ihre Kinder auf eine berufliche Schule geschickt. Worin sehen Sie die Unterschiede, Besonderheiten und Vorteile einer beruflichen Schule wie der ASS im Vergleich zu allgemeinbildenden Schulen?

R. Bierbaum: Ich habe mein Kind nicht auf diese Schule geschickt, sondern mein Kind wollte hierher. Das ist der große Unterschied: dass viele wollen. Es ist das erste Mal, dass die Schüler die Möglichkeit haben, Prioritäten zu setzen. Auch in Bezug auf den Schwerpunkt des beruflichen Gymnasiums. Die Jugendlichen treffen eine eigene Entscheidung und können sich stärker nach ihren eigenen Neigungen richten.

K. Volkmann: Die Schüler sind dann auch in Bezug auf die Berufswelt besser vorbereitet als auf dem allgemeinbildenden Gymnasium, weil es Schwerpunkte gibt, wie z.B. BWL. Man bekommt eine sehr gute Vorbereitung und der Unterricht ist stärker am Alltag orientiert als an allgemeinbildenden Schulen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Schulpolitik der neuen grün-schwarzen Landesregierung?

K. Volkmann: Es ist schwer zu sagen, da die neue Landesregierung noch recht jung ist. Ein Stück weit glaube ich, dass sie das ausbaden muss, was die vorige Landesregierung in die Wege geleitet hat. Die Sparmaßnahmen sind ein Problem, denn man kann sich auch zu Tode sparen. In diesem Fall sind die Leidtragenden immer die Kinder und Jugendlichen. Wenn man sich dann wundert, warum die Studienergebnisse schlecht sind, muss gefragt werden: Warum konnte man das vorher nicht sehen. Wer die Klassen vollmacht und an den Lehrkräften spart, darf sich nicht wundern, wenn die Schüler nicht motiviert sind. Auch die Abschaffung der Grundschulempfehlung halte ich für sehr problematisch. Wenn Eltern meinen, alle Kinder müssen aufs Gymnasium, ohne auf die Eignungen und Wünsche ihrer Kinder zu achten, werden diese nicht glücklich.

R. Bierbaum: Ich finde, dass die Schulpolitik der letzten Jahre insgesamt zu wünschen übriglässt. Man kann es leider nicht anders sagen. Und ich muss zugeben, dass ich in die grün-schwarze Regierung nicht viel Hoffnung setze. Ich habe den Eindruck, dass viele Ideen nur in anderen Bundesländern abgeschaut werden. Das hat sich z. B. im Hinblick auf die Gemeinschaftsschulen nicht bewährt. Auf Grund meiner beruflichen Erfahrung glaube ich nicht, dass man in den gemischten Klassen den vielen verschiedenen Schülern gerecht werden kann. Es ist mir unbegreiflich, wie Lehrer das leisten sollen, schließlich können sie nicht zaubern. Der Lehrer kann keinen Spagat machen und wir werden keine Klassen mit 10-12 Schülern haben. Es stört mich, dass vieles in der Bildungspolitik beschlossen wird, ohne dass man ein Konzept dafür hat. Mir fehlt die Planung hinter den Neuerungen. Es wird teilweise einfach nach der Methode Versuch-Irrtum vorgegangen. Es ist auch sehr schade, dass man z. B. die Hauptschulen im Stich lässt. Auch die neuen Erkenntnisse der Lernforschung sollten stärker in die Bildungspolitik und die Schulen einfließen. Es krankt an vielen Ecken und Enden: Schulen sollen ein Formel Eins-Rennen gewinnen, obwohl sie mit einem VW-Käfer antreten. Eltern haben hohe Ansprüche an ihre Kinder, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder sonst nicht bestehen, was die Lernsituation für die Kinder und Jugendlichen nicht einfacher macht.

Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie an die neue Kultusministerin, Frau Eisenmann? Wenn Sie zwei Wünsche an Frau Eisenmann frei hätten, welche wären dies?

R. Bierbaum: Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht viel Hoffnung. Die Lehrerstellen zu streichen und zugleich Reformprojekte voranzutreiben, wird nicht gelingen. Erfreulich ist die Aussage von Frau Eisenmann, dass im ländlichen Bereich die Realschulen gestärkt und auch einige Hauptschulen erhalten werden sollen. Meine Wünsche wären erstens, dass man nichts Neues einführt, wenn keine ausreichenden Konzepte vorhanden sind, und zweitens, keine Lehrerstellen abzubauen.

K. Volkmann: Ich sehe es nicht so pessimistisch. Ich habe schon die Hoffnung, dass die Verantwortlichen realisieren, dass sie etwas tun müssen. Sie werden sehen, wo man das Geld sinnvoller investieren kann. Da muss der Klassenteiler gesenkt werden oder man muss mehr Lehrer einstellen. Vielleicht bewegt sich doch etwas.

Haben Sie noch ein abschließendes Anliegen, das Sie unseren Lesern, also Eltern, Schülern, Lehrern, mitteilen möchten?

K. Volkmann: Weiter so!

R. Bierbaum: Mein Anliegen wäre, dass der wertschätzende, respektvolle Umgang miteinander auf allen Ebenen beibehalten wird und dass dies ein Schwerpunkt an der ASS bleibt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bierbaum,

vielen Dank für das Gespräch, Frau Volkmann.